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 30.10.06, 21:00 h

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Philosophische Betrachtung 
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Qualität und Konkurrenz

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Merkwürdig, wie oft die Worte Qualität, Qualitätssicherung, Qualitätssicherungsseminar, Qualitätsprüfung usw. in unserer täglichen Sprache herumgeistern. Verblüffend aber ist ein Erlebnis, das mir vor einiger Zeit zuteil wurde. Innerhalb einer Woche habe ich drei Personen, die dieses Wort gerne verwenden, gefragt, was eigentlich das Wort Qualität bedeute. Ich habe auf meine Frage nur ein „Drumherum Reden“ gehört. Zwei von den Gefragten waren, nebenbei gesagt, Akademiker. Das hat mich nachdenklich gemacht. Man soll nicht Worte verwenden, nur weil sie modisch sind, dachte ich. Man soll sie auch fühlend verstehen.

Für Aristoteles war Qualität (ποιότής) eine der zehn Kategorien, zu denen alles, was ist, also das Seiende, zugeordnet werden kann: Substanz, Qualität, Quantität, Relation, Ort, Lage, Zeit, Haben, Wirken und (Er-)Leiden. Ein sehr praktisches und plastisches Beispiel für die qualitative Veränderung eines Seienden ist das durch das Reifen einer Frucht verursachte Süßwerden dieser Frucht. Für uns Heutigen scheint Qualität nur eine Worthülse oder nur ein modisches Wort, – mit dem man „angeben“ und Eindruck machen kann, – geworden zu sein, obwohl ohne Qualität menschliches Dasein, zwischenmenschliche Beziehungen und humane Existenz überhaupt in allen Bereichen unserer Gesellschaft langsam, aber sicher verdirbt oder zumindest an Substanz verliert. Jedem leuchtet ein: Wohlwollende Zuwendung zum Mitmenschen hat eine höhere Qualität als hasserfüllte Bekämpfung. Oder die Offenlegung einer politischen Entscheidung, welche das allgemeine Wohl einer Nation betrifft, hat höhere Qualität als das Verschweigen oder gar Verdrehen wichtiger Tatsachen, die über Frieden oder Krieg mitbestimmen.

Jedermann kann nachvollziehen: Aller Zuwachs menschlichen Vermögens ist stets in hohem Maße mitbedingt durch den Vorrang, der zu allen Zeiten dem Vollkommenen vor dem Unvollkommenen gewährt wurde. Dass Menschen das Beste bevorzugen und eine Auswahl zwischen gut, besser und am besten treffen, ist ein untrügliches Zeichen für Qualitätssinn. Nur in der Wirtschaft? Nur im materiellen Bereich?

Ist beispielsweise ein neuer PKW qualitativ insofern besser als ein früherer, als er statt 20 nun 50.000 km ohne Wartung und Inspektion fahren kann, dann ist seine Qualität nicht nur anders, sondern besser und vollkommener als der frühere PKW-Typus. Schon eigener Schutz vor Schaden zwingt zur Bevorzugung des Besseren und des Besten. Das gilt m.E. auch in der Psychotherapie, in der Psychologie und in der Logotherapie. So wie gute, bessere und beste PKWs gibt, so gibt es auch auf dem Markt der psychotherapeutischen Angebote gute, bessere und beste Psychotherapien, womit keineswegs gesagt ist, dass eine „nur gute“ Psychotherapie unter Umständen nicht hilfreich sein könnte, eine bestimmte Neurose zu überwinden.

Was Andere schon zu leisten, und gut zu leisten wussten, wird später von Nachfolgern vielleicht besser geleistet. Genau so entsteht Konkurrenz und soweit ist Konkurrenz in Notwendigkeit begründet (im Sinne des hehren griechischen Wortes Ananke). Freilich müssen die Nachfolger erst beweisen, dass sie Besseres leisten als die Vorgänger.

Davon unabhängig gilt aber der Grundsatz: Wer gemäß der Notwendigkeit Konkurrenz anstrebt, – sei es in der Wirtschaft, sei es in der Psychotherapie, sei es woanders, – der drückt aus, dass er im Geiste der wirklichkeitsgezeugten Freiheit agiert (es gibt nämlich auch ein „Gespenst der Freiheit“.) Doch wo wahre Freiheit gelebt wird, da ist, als Kehrseite der Freiheit, auch Verantwortung mitgegeben. Ob das viele oder wenige gerne hören oder lieber ignorieren, ändert nichts daran, dass es eine Verantwortung in bezug auf qualitative Arbeit, auf qualitative Ausbildung, auf qualitativ bessere Politik und auf qualitativ höheres Leben besteht. Damit komme ich der Bedeutungssphäre dessen, was das Wort Qualität bedeutet, näher.

Qualität drückt aus, dass es ein Höher und ein Geringer gibt. Dient Leistung oder ihr Erzeugnis dem Wertzuwachs, so kommt eine höhere Qualität durch die lebendige Ursprungskraft des Geistes zustande, die ein Mensch durch seinen Arbeitseinsatz, durch sein Können, durch sein weises Ordnen und nicht zuletzt durch seine höchste, künstlerisch begründete Gestaltungsfähigkeit dem herzustellenden oder hergestellten Ding gibt. Dieses „Ding“ kann ein Auto, ein Werkzeug, ein Ausbildungskonzept, ein Buch, ein Konzept für Organisation usw. sein.

In einem allgemeinen Sinn ist Qualität alles, was in einer sinnvollen Antwort auf die Frage: „Wie beschaffen ist das und das?“ ausgedrückt werden kann. Eine Qualität ist daher stets auf das bezogen, dessen Qualität, Eigenschaft, Attribut, Beschaffenheit sie ist. So ist die schwarze Hautfarbe eine Qualität in Bezug auf eine bestimmte Menschenrasse bzw. auf einen bestimmten Menschen, die Süßigkeit in bezug auf das Schmecken, – man spricht hier von der Sinnesqualität, – und die Schnelligkeit auf einen bestimmten Lauf. Der Schritt zur Lebens-Qualität ist nicht mehr weit. Sie bezieht sich nicht nur auf das Materielle, auf das Haben, auf die soziale Stellung, sondern vielmehr auf das Geistige des Menschen: auf sein Geistig-Sein. Dieses aber ist unausweichlich mit Grundwerten verbunden, wie Respekt, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Liebe, Geduld, Güte, wahre Toleranz und Weisheit. Ein jeder will für sich Gerechtigkeit, die er aber dann auch den anderen zugestehen muss.

Qualität als besondere Eigentümlichkeit oder proprium eines Dinges, gehört zum Wesen des Dinges selbst, sie ist eine Bestimmung des Einzeldinges. Wenn der „Einzelding“ nun der Mensch selbst ist, dann kann man sagen: Das Vatersein ist wesentliche Bestimmung des Mannes. Das Muttersein ist wesentliche Bestimmung der Frau. Das heißt natürlich nicht, dass ein Mann, der kein Vater ist, in seinem geistigen Personsein oder gar in seinem ethischen Verhalten weniger wert wäre. Das heißt aber sehr wohl, dass er nicht die qualitative Bestimmung „Vater sein“ für sich in Anspruch nehmen kann, wenn er keine Kinder hat.

Qualität kann aber auch eine bestimmte Politik nach oben und nach unten auszeichnen. Die qualitativ höhere Politik der Zukunft in der Europäischen Union wird ein System anstreben, das sich durch sieben Eigenschaften auszeichnet: das erstens wertorientiert und zweitens praxisbezogen ist; das drittens europäische und internationale Zusammenhänge sowohl in der Wirtschaft als auch im Zusammentreffen der Kulturen berücksichtigt; viertens vielgestaltig ist, – also ökologische, gesellschaftliche und spirituelle Aspekte einbezieht;  das fünftens die Ausartung des gnadenlosen Wettbewerbs nach sozial-ethischen Maßstäben kontrolliert; das sechstens die neuesten technischen Errungenschaften sinnvoll (und nicht nur zweckmäßig!) einsetzt, und das siebtens mit der Ressource des geistigen Potentials der einzelnen Menschen vernünftig umgeht. Unter geistiges Potential verstehe ich allerdings mehr als bloß die Förderung der intellektuellen, verstandesmäßigen Fähigkeiten. Emotionale Kompetenz, Fähigkeit zur Distanzierung vom eigenen Ego, Wirklichkeitserkenntnis und Sinn-Kompetenz wären die Begriffe, die in Richtung „geistiges Potential“ verweisen.

Eine solche wie oben gekennzeichnete Politik wird und ist qualitativ höher als jene Politik, die allzu kurzsichtig sich nur auf eine Legislaturperiode konzentriert und sich mehr oder weniger in Profilierungsneurosen und in Machtkämpfen erschöpft, vom Schlagwortwahn einmal abgesehen.

Was für die Politik und Politiker gilt, trifft auch auf die Wirtschaft und Wirtschaftsfachleute zu. Einzelne wie Firmen haben die Wahl, ob sie bequem bei minderer Leistung sich bescheiden, oder ihr Bestes bieten wollen. Einzelne aus einer Regierung wie die ganze Regierung können sich für eine qualitativ höhere oder niedrigere Politik einsetzen. Einzelne wie Gruppen (in Firmen wie in der Politik) müssen sich fragen, ob sie nicht vermessen eine Leistung darzubieten suchten, der sie nicht gewachsen waren und vielleicht niemals gewachsen sein werden. Diesen Aspekt zu beachten, könnte helfen, uns viel „böses Blut“ und destruktiven Neid in der Konkurrenz zu ersparen. Natürlich kann jemand mit einem guten, aber allzu kleinen Boot versuchen, den Ozean zu überqueren. Er darf sich aber nicht wundern, wenn ein großer Schiff schneller und bequemer zum Ziel kommt. Der Geist der in Notwendigkeit begründeten Konkurrenz verbietet es dem Einzelnen, in den Mitbewerbern seine „Feinde“ zu sehen, nur weil sie ihn zu überflügeln fähig sind. Realismus und Nüchternheit in bezug auf die eigenen Kräfte werden immer vor bösen Überraschungen schützen. Es ist immer noch besser, qualitativ besser, im allerkleinsten Rahmen das Vollkommene zu leisten, als mit unzulänglichen Mitteln und Kräften die Konkurrenz übertreffen zu wollen. Ein jeder kann nur mit dem rechnen, was ihm zu eigenem „Besitz“ gegeben ist. Das eigene Talent, das eigene Vermögen, die eigenen körperlichen seelischen und geistigen Kräfte zu schulen, einzuüben und zu entfalten, – darauf kommt es an. Das ist der realistische Weg, Bildungsdefizite – im schulischen, im wirtschaftlichen, im psychotherapeutischen wie im politischen Bereich – abzubauen. Manches und sogar Vieles kann man sich mit Fleiß erarbeiten. Und manches wird für den Einzelnen – ob Minister oder Dozent oder nur LKW-Fahrer – dennoch unerreichbar bleiben. Das gilt auch für Länder und Gebiete, die 40 oder mehr Jahre im Kommunismus verbracht haben und wo manche Menschen im Jahre 2005 sich immer noch wundern, dass auch nach 15 Jahren Vereinigung zwischen Ost und West noch nicht jener Wohlstand erreicht wurde, den man sich in naiver Vorstellung erträumt hatte. Qualitatives Wachstum erfordert einen „Preis“, der bezahlt werden muss, damit – beispielsweise – eine materiell höhere Lebensqualität sich langsam herausbilden kann. Eine seelisch höhere Lebensqualität, die mit Gelassenheit und Seelenfrieden, mit weitgehender inneren Klarheit bezüglich der Frage „wer bin ich“ und mit Meditation zu tun hat, kann gar nicht entstehen, wenn der Einzelne nicht bereit ist, den dafür notwendigen „Preis“ zu zahlen. Der Einzelne würde aber fehl gehen, würde er hier mit anderen konkurrieren wollen.

Wettbewerb und Konkurrenz um den Vorrang haben eher mit „äußeren Dingen“ zu tun, und müssen keineswegs zum unerbittlichen, blutigen „Kampf“ erniedrigt werden. In der Konkurrenz geht es nicht um „Box-Kämpfer“, die ihre physische Kräfte messen wollen, sondern – beispielsweise – um die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen, um die Qualität der Leistung, um die Qualität eines Ausbildungskonzeptes. Mit guten Gründen konnte Frankl bemerken: Die Individualpsychologie sei eine qualitativ höhere Entwicklung und Stufe der Psychotherapie. Und wir können ergänzen: Adler hat, im vergleich zu Freud, mehr vom Menschen wahrgenommen und erkannt. Nach 1946 hat Frankl, im Vergleich zu Adler, die spezifisch humane Dimension – das Geistige – erschlossen und in die Psychotherapie „eingebaut“. Genau so entstand die Logotherapie und Existenzanalyse, welche einen qualitativ höheren Zugang zum Menschsein ermöglicht.

Man hat noch zu wenig bedacht und gefühlt, dass wer qualitativ höhere Leistung fordert, auch fähig sein muss, Sinn aufzuzeigen. Das setzt aber voraus, dass jemand Gesamtzusammenhänge wahrzunehmen und auszudrücken fähig ist sowie die nötige Einbewältigungskraft besitzt, die ermöglicht, das Viele und Vielfältige schöpferisch und wirklichkeitsgerecht zu ordnen.

Der Alltag verlangt von uns allen, nicht nur zweck-, sondern sinnorientiert zu denken und zu handeln, und so auf die höhere Qualität zu achten. Wenn nur der Wille sich wandeln lässt zum „Willen zur Qualität“, der da immer auch der „Wille zum Sinn“ (Frankl) ist, wird sich Vieles rascher wandeln und so werden doch wenigere Menschen im sinnwidrigen „Konkurrenzkampf“ bluten und verbluten. Freilich gehört die Seele und der Geist in die Konkurrenz hinein, da der Mensch selbst ein von Grund auf seelisches und geistiges Wesen ist auf der Suche nach Sinn-Qualität seines Lebens.

Niemand von uns lebt in Wirklichkeit isoliert, außer er isoliert sich selbst. Wir leben im Kontext des Ich – Du – Wir und darum geht es einen jeden an, sich selbst und jenen, die ihm anvertraut sind, eine wahre und humane Lebens-Qualität zu erarbeiten.

Dies gehört zu den Fundamenten einer neuen politischen und wirtschaftlichen Kultur, in der wirklichkeitsgezeugte Freiheit und Verantwortung, echte Qualität und ethische Grundwerte Hand in Hand gehen.

Nach diesen philosophischen und philosophierenden Überlegungen wäre ein Ausgangspunkt gegeben, auf dem weiten Gebiet der Bildung und Ausbildung „Kriterien für die Qualität“ zu erschließen, was aber möglicherweise Thema eines weiteren Beitrages – und auch anderer Fachleute – zu sein hat.

Fürstenfeldbruck, Ende Oktober 2005

Fachliteratur: Bô Yin Râ: Das Gespenst der Freiheit

Dr. Otto Zsok, Jahrgang 1957, promovierter Philosoph, ist Dozent für Logotherapie nach Viktor Frankl am Süddeutschen Institut für Logotherapie in Fürstenfeldbruck bei München, dort auch Institutsdirektor.

Süddeutsches Institut für Logotherapie
Geschwister-Scholl-Platz 8
D-82256 Fürstenfeldbruck
Tel.: 08141 / 180 41
Fax: 08141 / 151 95
E-Mail:
si@logotherapie.de
www.logotherapie.de

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